Tumblelog by Soup.io
Newer posts are loading.
You are at the newest post.
Click here to check if anything new just came in.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute verbreiten unwissenschaftliche Arbeitgeberpropaganda


Es ist schlimm genug, aber unter Ökonomen leider normal, dass die „führenden“ Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Gemeinschaftsdiagnose Löhne und Renten ausschließlich unter dem Kostenaspekt sehen und verunglimpfen, als sei der Zweck des Wirtschaftens nicht, den Menschen Konsummöglichkeiten zu eröffnen - und zwar nicht nur dem oberen Prozent. Der Postillion hat das wunderbar persifliert („Studie: Lohnzahlungen verursachen Milliardenschäden“) Richtig schlimm ist aber, dass die angeblich führenden Ökonomen des Landes in ihren wirtschaftspolitischen Empfehlungen (S. 58 ff)  derart schamlos alle intellektuelle Redlichkeit über Bord werfen und Dinge feststellen und fordern, die beim besten Willen nicht zusammenpassen.

So führen sie die Investitionsschwäche der Unternehmen ausschließlich auf zu niedrige Renditen zurück und fordern Steuererleichterungen. Kein Wort davon, dass es vielleicht an Nachfrage fehlen könnte, und natürlich auch nicht davon, dass höhere (Mindest-) Löhne und Renten zumindest auch einen Nachfrageeffekt haben. Nein, Renten und Löhne werden ausschließlich als Kosten betrachtet. Erst später, in anderem Zusammenhang und völlig unverbunden kommt dann die Einräumung, dass die Kapazitäten unterausgelastet sind, dass also ein NACHFRAGEPROBLEM tatsächlich besteht. Der nicht ganz von der Hand zu weisende Gedanke, dass Unternehmen eher investieren, wenn sie die Produkte, die sie dann mehr produzieren, auch absetzen können, wird nicht einmal thematisiert.

Wohlgemerkt stellen die „Forscher“ in ihrem Prognoseteil fest, dass bei den Exporten nicht viel zu holen sein wird und hoffen auf die Binnennachfrage.

Die Institute  finden auch nichts dabei, erst zu beklagen, dass nicht noch mehr Ältere durch Rentenkürzung zum länger Arbeiten gebracht werden, was zu Arbeitskräftemangel führen werde, und direkt danach apodiktisch zu behaupten, dass der Mindestlohn zu viel zusätzlicher Arbeitslosigkeit führen wird. Man kann natürlich zu dem Ergebnis kommen, dass die verhinderten Rentner Stellen besetzen würden, die Niedriglöhner mangels Qualifikation nicht ausfüllen können. Aber ein bisschen genauer sollte man schon hinschauen, anstatt so nonchalant gleichzeitig mehr Arbeitskräftemangel und mehr Arbeitslosigkeit vorherzusagen. Dann würde man feststellen, dass gerade in vielen der Niedriglohnsegmente schon heute Arbeitskräfte fehlen, weil die Arbeitgeber zu den Hungerlöhnen, die sie zu zahlen bereit sind, nicht genug Arbeitskräfte finden. Deshalb muss ja auch die Sozialhilfe unter das grundgesetzlich garantierte Minimum abgesenkt werden, damit auch Löhne, von denen man nicht anständig leben kann, wieder attraktiv erscheinen.

Richtig schlimm ist, dass die Institute sich auf den Stand einer korrumpierten Wissenschaft berufen können. In den heute vorherrschenden  makroökonomischen Modellen gibt es nur repräsentative Wirtschaftssubjekte, die per Definition nicht unfreiwillig arbeitslos sein können. Sie können nur ihr Arbeitsangebot reduzieren oder erhöhen. Zur Wachstumssteigerung kommt es also allein darauf an, die Menschen (pardon: das repräsentative Wirtschaftssubjekt) dazu zu bewegen, zum geltenden Lohn mehr Arbeit anzubieten. Nachfrageprobleme gibt es nur vorübergehend, weil sich die Preise manchmal nicht schnell genug an schockartige Veränderungen im Arbeitsangebot anpassen.  

Dass man mit solch unsinnigen Modellen nichts Sinnvolles zur realen Wirtschaft sagen kann, in der unfreiwillige Arbeitslosigkeit ebenso die Norm ist, wie industrielle Produktionskapazitäten, die nur zu rund 80 Prozent ausgelastet sind, leuchtet jedem Laien sofort ein. Nur unseren führenden Wirtschaftsforschern nicht. Dass sie für die Verbreitung ihrer unwissenschaftlichen Arbeitgeber-Propaganda auch noch das Geld der Steuerzahler, sprich der Arbeitnehmer, bekommen, ist ein Skandal.

- norberthaering.de

Es wäre vielleicht weniger problematisch, wenn andere Herangehensweisen an die festgestellten Probleme wenigstens bedacht würden. Aber an dieser krankhaften Alternativlosigkeit erkennt mensch die Unwissenschaftlichkeit der neoliberalen Denke.

Reposted fromSirenensang Sirenensang

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl